Soweit erscheint die Initiative einfach nur als ein Angriff auf die Vertragsfreiheit, welche man im linken politischen Spektrum immer mal wieder gern macht, um im Gespräch zu bleiben. Keiner kann schließlich behaupten, dass meine Vertragsfreiheit nicht eingeschränkt wird, wenn ich nicht mehr jeden beliebigen Lohn zahlen darf, wenn ich jemanden einstelle. Bestenfalls resultieren solche Übungen meist darin, dass man einen Haufen Papier und Arbeitskraft für die Unterschriftensammlung verschwendet und dann wiederum viel Papier und Arbeitskraft für die Abstimmung und die Geschichte dann bachab geht. Schlimmstenfalls wird die Initiative angenommen und wir bauen die Bürokratie weiter aus, die Unternehmen finden aber Mittel und Wege um die Initiative zu umgehen und der Schaden an der Schweizer Wirtschaft bleibt überschaubar. Aber dann hängt die JuSo eine Erklärung an ihre Initiative an, unter dem Titel ‚Fakten und Irrtümer’ (http://www.juso.ch/files/Unterschriftenbogen_1-zu-12_de.pdf S. 2, 7.8.2010) und sagt dabei einige Dinge, die einem wirklich zum nachdenken anregen sollten.
Die 1:12-Initiative schafft gerechte Löhne.
Die 1:12-Initiative will, dass niemand in einem Jahr weniger verdient als der bestbezahlte Manager im gleichen Unternehmen in einem Monat . Sie will deshalb in der Verfassung verankern, dass der tiefste Lohn in einem Unternehmen nicht mehr als zwölf Mal tiefer als der höchste sein darf. Dadurch wird verhindert, dass sich Abzocker-Manager immer mehr vom Kuchen unter den Nagel reissen und allen anderen Mitarbeiter/innen nur Brosamen bleiben. Mit der 1:12-Initiative werden den Manager-Gehältern Schranken gesetzt, damit die Löhne aller wieder steigen.
Kuchen klingt immer gut, vor allem dann, wenn es darum geht, etwas zu verteilen. Aber ein Unternehmen funktioniert nun einmal nicht wie eine große Bäckerei. Es ist normalerweise nicht so, dass alle Angestellten zusammen einen Kuchen backen und den dann Ende Jahr untereinander aufteilen. Natürlich kann und könnte man Unternehmen so gestalten. Nur in diesem Fall müssten die Angestellten auch hinnehmen, dass es in manchen Jahren nur trocken Brot anstatt Kuchen gibt und nicht nur die Gewinne, sondern auch die Verluste mittragen. Natürlich können das nicht alle. Sogar sehr viele können das nicht. Spätestens wenn man eine Familie zu versorgen hat (oder zumindest mitzuversorgen hat) braucht man ein geregeltes Einkommen, welches unabhängig vom Geschäftsergebnis des Unternehmens reinkommt. Darum verkauft man seine Arbeitskraft zu einem festen Betrag. Man bringt seine Arbeit in den Kuchen ein, und tritt für Geld das Recht an möglichen Kuchenstücken ab. Wer dies aber nicht will, kann jederzeit seinen eigenen Kuchen backen, zumindest heute – aber mehr dazu später. Ich will darauf hinaus, dass, weil dieser Kuchen nicht den Angestellten gehört, diese auch nicht mehr davon sehen werden, wenn er größer wird.
Wieso das gerade das Verhältnis 1:12 so gerecht sein soll erwähnt die JuSo allerdings in keinem Wort. Wenn es wirklich so wäre, dann müsste sich die JuSo auch dafür einsetzen, dass die Steuern auch höchstens diese Spanne aufweisen dürfen. Immerhin ist der Staatshaushalt auch nichts weiter als ein riesiger Kuchen. Wenn es ungerecht ist, dass manche in einem Jahr weniger verdienen wie andere in einem Monat, dann ist es auch ungerecht, dass manche in einem Monat mehr für diesen Kuchen leisten sollen als andere in einem Jahr.
Die 1:12-Initiative stoppt Abzocker.
Trotz der Krise: Die Abzocker-Manager zahlen sich unver- schämte Saläre und Millionen-Boni aus. Im Schnitt verdient ein Manager heute 4 Millionen oder 56 Mal mal [!] mehr als ein/e normale/r Schweizer Arbeitnehmer/in!1 Dafür gehen sie erneut unverantwortliche Risiken ein, für die wir dann mit tieferen Löhnen, unseren Jobs oder unseren Steuern gerade stehen müssen. Die 1:12-Initiative schiebt hier einen Riegel.
Ja, Manager gehen vor allem darum unverantwortliche Risiken ein, weil sie 56 ‚Mal mal mehr als ein/e normale/r Schweizer Arbeitnehmer/in!’ verdienen. Und sie werden sofort aufhören das zu tun, wenn sie weniger verdienen. Das ist doch sonnenklar. Wie nur konnten wir alle diese einfache Lösung übersehen haben.
Ernsthaft: Ja, es gab gewisse Formen von Boni-Zahlungen – überwiegend in den USA – die tatsächlich etwas mit der Finanzkrise zu tun hatten. US-Banken hatten Hypothekenbereich mit vielen Mitarbeitern Verträge auf Boni-Basis. Kaum ein Grundgehalt, aber hohe Erfolgsprämien. Als Erfolg galt ein abgeschlossener Kreditvertrag. Die logische Folge war, dass die Mitarbeiter kaum mehr ein Interesse hatten, Kredite genau zu prüfen und vergaben sie relativ sorglos. Dies war einer von mehreren Faktoren, welche schließlich zu Immobilienkrise führt. Mit wiederum anderen Faktoren führte diese schließlich zur Finanzkrise. Diese Boni aber blieben allesamt im fünfstelligen oder niedrigen sechsstelligen bereich, würden also nicht unter diese Initiative fallen. Spitzenmanager indes gehen Risiken ein, weil sie letztlich keine Option haben. Stillstand funktioniert in der heutigen Zeit nicht als Strategie, aber jede Änderung ist ein Risiko. Das klingt wie eine hohle Phrase, aber die JuSo tut hier gerade so, als ob jeder andere auf der Welt die Finanzkrise kommen sah und die UBS als einzige Geld dabei verloren hätte.
Ach ja, noch was: Ich bin ein ‚Schweizer Arbeitnehmer’ und verdiene nicht genau 71'428,57 Franken im Jahr. Offensichtlich bin ich nicht ‚normal’. Liebe JuSo, an welche Ärzte soll ich mich wenden?
Die 1:12-Initiative lässt das Volk über die Spielregeln entscheiden.
Heute entscheiden die Abzocker alleine über die Löhne – und berücksichtigen dabei nur ihr eigenes Portemonnaie. Alle anderen müssen tatenlos zu sehen und die Folgen ausbaden. Das ändert die 1:12-Initiative. Sie gibt dem Volk wieder das letzte Wort, um für faire Spielregeln zu sorgen.
Ich hab noch nie einen Abzocker allein über die Löhne entscheiden sehen. Hätte ich aber müssen, denn alle tun das. Aber selbst wenn ich einen Abzocker allein über die Löhne entscheiden sehen würde, müsste ich auch nach der 1:12 initiative noch tatenlos zusehen wie er es macht. Die Initiative gibt mir ja nicht eine Handelsbefugnis gegen jene Abzocker. Wenn man dagegen die Initiative selbst als eine Art Einschreiten in den Prozess des ‚Über-Löhne-Entscheidens’ sieht, dann ist das Argument irgendwie hinfällig. In diesem Licht ‚musste’ ich nie tatenlos zusehen, sondern konnte immer schon eine Initiative dagegen lancieren. Jede Initiative erlaubt es dem Volk über Spielregeln zu entscheiden, ob es nun um Minarette oder um Löhne geht. Bleibt nur zu sagen: Drei Punkte Abzug für Gryfindor wegen redundantem Argument. Damit von den ‚Fakten’ zu den Irrtümern.
Irrtum I: Die grossen Multis verlagern ihre Standorte ins Ausland.
Die Standortfrage ist bloss Erpressung der Abzocker, damit alles in ihrem Sinne bleibt und das Volk nicht für faire Spielregeln sorgen kann. Denn die 1:12-Initiative fordert nur eine maximale Lohnspanne. Der Erfolg eines Unternehmens wird nicht beeinträchtigt. Es wird weder die Produktion verteuert, noch das Management erschwert. Im Gegenteil: Zu hohe Löhne für Manager schmälern die Unternehmensleistung, weil sie falsche Anreize setzen und das Unternehmensklima beeinträchtigen.
Ein schönes Beispiel dafür, wie man sich selbst innerhalb von drei Sätzen widersprechen kann: Zuerst wird der Erfolg nicht beeinträchtigt und dann wird er positiv beeinträchtigt. Natürlich wird das Management erschwert dadurch, dass man nur einen virtuellen Maximallohn hat den man Zahlen kann und einen virtuellen Minimallohn. Das ist etwa so, als würde man behaupten, es sei beim Poker kein Vorteil, wenn man Chipleader ist. Man hat, wenn es darum geht gute Leute in die eigene Firma zu holen durch eine solche Bestimmung gleich zwei Nachteile. Erstens kann ich im internationalen Wettbewerb nur bis zu einem bestimmten Grad mitgehen. Wenn es dann zweitens aber darum geht den Lohn zu verhandeln, dann weiß der andere, wie viel ich ihm maximal zahlen kann und wird sich wohl kaum mit weniger zufrieden geben.
Ob es für das Unternehmensklima wirklich einen unterschied macht, ob der Chef 12-mal so viel oder 56-mal so viel verdient ist fraglich. Neid ist eine Frage von ‚mehr oder nicht mehr’ und nicht von ‚wie viel mehr’. Und ob man mit Boni falsche Anreize setzt ist auch wiederum eher eine Frage davon, wofür man die Boni gibt und nicht, wie hoch die dann letztlich sind. Im Zweifel wird also durchaus der eine oder andere Multi sich ins Ausland verabschieden, zumindest die, die keine andere Möglichkeit finden, diese Regel auszuhebeln, aber dazu später.
Irrtum II: Die 1:12-Initiative ist aufwendig umzusetzen.
Sicher nicht! Die Unternehmen können z.B. verpflichtet werden, die Löhne mit der Steuererklärung, dem Jahresbericht oder der Buchprüfung offen zu legen. So müsste auch keine neue Behörde geschaffen werden.
Und weil man keine neue Behörde braucht, sondern nur sämtliche ausbezahlten Löhne (und dazu geleistete Arbeitsstunden) von allen Mitarbeitern (bis hin zum Praktikanten, der in irgendeiner Filiale nach einer halben Woche hingeschmissen hat) zusammen mit der Steuererklärung einreichen muss, ist die Initiative also nicht Aufwändig. Es sind diese Momente, die mich daran erinnern, wieso ich ein Liberaler geworden bin. Ganz egal wie viele Gesetze, Verordnungen und Formulare man erfolgreich abschafft, es werden trotzdem immer mehr, denn Links fängt man schon Jung an, derlei Dinge als erstrebenswert anzupreisen.
Irrtum 3: Die 1:12-Initiative wird umgangen, weil Unternehmen einfach
Mitarbeiter/innen auslagern.
So einfach ist das nicht. Erstens muss das Parlament – wird die 1:12-Initiative vom Volk angenommen – ein Gesetz zur Umsetzung verabschieden. Auslagerungen um 1:12 zu verhindern müssten darin strafbar gemacht werden. Zweitens sprechen wir von Unternehmen und nicht von einer schon definierten juristischen Person. Scheinselbstständige sowie Beschäftigte in dauernden Auftragsverhältnissen oder Management-Gesellschaften gehören genauso zu einem Unternehmen wie „normale“ Arbeitnehmer/innen. Drittens sind Auslagerungen Grenzen gesetzt, wenn sie ineffizient werden. Ein Sekretär z.B. ist schwierig auszulagern.
Eigentlich ist es so einfach. Man muss lediglich eine Firma Gründen, welche alle Anstellt, die mehr als das 12-Fache vom Niedrigstlohn verdienen. Dann gibt man dieser Firma einen Beratungsauftrag für die eigene Firma und überschreibt die entsprechende Summe einfach als Bezahlung für Dienstleistungen. Diese andere Firma zahlt dann die 12 mal höheren Löhne. Und hier kommt der schockierende Satz der JuSo, die mich zum Schluß führt, dass diese Initiative eigentlich einen drastischen Einschnitt in die unternehmerische Freiheit darstellt. Auslagerungen [...] müssten [...] strafbar gemacht werden. Was genau wollen die nun da strafbar machen? Das Gründen eines neuen Unternehmens? Das Unternehmen Dinge tun im Auftrag anderer Unternehmen? Das Menschen für mehr als ein Unternehmen gleichzeitig arbeiten? Vermutlich soll das dann auch die Behörde überwachen, die bei Irrtum II nicht geschaffen wurde. Im Ernst: Man kann nicht einfach eine Initiative machen und sagen: ‚Ach ja, falls das Volk sie annimmt, möchten wir, dass die freie Marktwirtschaft abgeschafft wird, weil sonst könnte man Mittel und Wege finden uns zu umgehen. Aber wir möchten lieber nicht in den Initiativtext schreiben, dass wir die freie Marktwirtschaft abschaffen wollen. Wäre uns dann doch etwas zu Heikel.’ Das ist einfach keine ehrliche Art zu politisieren.
Aber nicht nur deshalb ist diese Initiative auf jeden Fall zu bekämpfen. Sie fußt auf dem Neid der Menschen. Sie ist der Samen einer Mentalität die uns weg von der Unabhängigkeit des Individuums hin zur Unmündigkeit führt. Die Gesellschaft hat viele Möglichkeiten sich gegen ungerechte Löhne zu wehren, auch ohne dass der Staat eingreift. Wenn es einem Bürger wirklich ein Bedürfnis ist, sich gegen zu hohe Managerlöhne zu wehren, dann kann er diese Firma boykottieren. Tun das genug Leute und machen sie auch klar, dass dies wegen den Managerlöhnen geschieht, werden sie etwas bewegen können. Das ist auch viel billiger als eine (oder gar mehrere) Initiativen zu lancieren.